APP_2020Systemische Therapie

dialoge wandeln anders


Definition Systemische Therapie

Systemische Therapie (als psychotherapeutisches Verfahren)1

Vorbemerkung
Oft werden psychisch leidende Menschen als Beh
lter individueller Symptomatiken aufgefasst - so als fnden diese sozusagen im psychosozialen Vakuum statt.
Symptomatiken treten jedoch nicht isoliert auf, sie weisen vielmehr ber sich selbst hinaus und erhalten erst dadurch ihre Bedeutung, dass sie sich im aktuellen Kontext von Beziehungen vollziehen und diese Beziehungen als deren Bestandteile mitgestalten.
Mit anderen Worten es gibt keine Symptomatiken, die nicht Bestandteile von konkreten Beziehungen wren und diese mitgestalten wrden.

Definition
Systemische Therapie versteht Symptomatiken somit im Kontext variabler Beziehungsnetze, mit denen man selbst auch als Praktiker, Theoretiker oder Wissenschaftler verwoben ist, sobald man sich mit ihnen beschftigt. Mithin ist es nicht mglich, einen «objektiven Beobachterstandpunkt» gegenber Symptomatiken einzunehmen. Zwischenmenschliche Geschehnisse - also auch Symptomatiken - werden immer systemisch kontextualisiert und somit als soziale Konstruktionen verstanden.
Indem die Systemische Therapie historisch gewachsene Beziehungswirklichkeiten anerkennt und an der Erzeugung neuer Beziehungswirklichkeiten beteiligt ist, geht sie im Einzelfall aus dem hervor, was in der Vergangenheit geschaffen wurde. Somit ist sie bis zu diesem Punkt gesehen postfaktisch2.
Sie findet jedoch insbesondere in der Gegenwart statt und weist in eine noch-nicht-gegebene Zukunft. Damit wirkt sie prfaktisch3 - sie realisiert sich, indem sie stndig neue Wirklichkeiten in der Gegenwart erschafft und orientiert sich dabei an Vorstellungen (Antizipationen), die wir mit der Zukunft verbinden.
Sie tendiert dazu kurz zu sein, indem sie sowohl die sogenannten Symptomtrger als auch die Beziehungspartner in die gemeinsamen berlegungen, Gesprche und Formen der Zusammenarbeit mit einbezieht, auf die individuellen Bedrfnisse der Beteiligten eingeht und sie koordiniert. Dadurch vermeidet sie Zeitverluste, die durch mangelnde Koordination entstehen knnen.
Um dies zu erreichen, steht die Qualitt der dialogischen Zusammenarbeit4 im Zentrum der Systemischen Therapie. Dazu gehrt, dass alle Problembeschreibungen der teilnehmenden Beziehungspartner und ihr Zusammenwirken ernst genommen und wertgeschtzt werden. Sowohl die Stimmen als auch die Beschreibungen der Klientinnen und Therapeutinnen sind gleichberechtigt.
Systemische Therapie findet auf Anfrage statt und setzt unverz
glich ein: dadurch dass keine Wartezeiten entstehen, kann sie sich im besten Fall auf wenige Sitzungen begrenzen und vermeidet so Zeitverluste und Schdigungen, die sich z.B. in Chronifizierungen zeigen knnen.
Weil es ihr Ziel ist, Symptome und ihre Problemzusammenhnge aufzulsen, ist sie ergebnisoffen und nicht vorhersehbar: Die prfaktische Ungewissheit der therapeutischen Zusammenarbeit fhrt ber das postfaktische Wissen, das alle Beteiligten mit in die Therapie einbringen, hinaus. Sie mndet ein in neue nicht-vorhersehbare Bereiche, in denen die Konstruktion neuer Mglichkeiten stattfindet.
Die genannten Merkmale tragen zur Qualitt der therapeutischen Zusammenarbeit und Wirtschaftlichkeit der Systemischen Therapie in dem Sinne bei, dass sie entpathologisieren, Symptome reduzieren und auflsen, neue Handlungsmglichkeiten schaffen, die Zufriedenheit der Klienten erhhen und die Dauer der Therapie verkrzen.

Fußnoten
1 Deissler, Klaus G. & Kaya, Ahmet. Systemische Therapie wertschätzen. Systemagazin, 2019.
2 John Shotter benutzt in seiner Diskussion den Begriff «after the fact» (nach dem Faktum), was wir der Einfachheit halber mit postfaktisch bersetzt haben. Shotter, John, 2016. Speaking, Actually: Towards a New 'Fluid' Common-Sense Understanding of Relational Becomings. EIC Press, London
3 Entsprechend verwendet John Shotter den Begriff «before the fact» (vor dem Faktum), den wir wiederum als prfaktisch bersetzen. Shotter, John. 2016, a.a.O..
4 Deissler, Klaus G., 2016. Sozialer Konstruktionismus - Wandel durch dialogische Zusammenarbeit. In: Levold, Tom & Wirsching, Michael (hg). Systemische Therapie und Beratung - das große Lehrbuch. Carl-Auer, Heidelberg (2. Auflage).